Gottfried Benn (1886 - 1957)   Bild Ludwig Meidner

 

Was schlimm ist

 

Wenn man kein Englisch kann,

von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,

______ nicht ins Deutsche übersetzt ist.

 

Bei Hitze ein Bier sehn,

 ______ man nicht bezahlen kann.

 

Einen neuen Gedanken haben,

______ man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,

______ es die Professoren tun.

 

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören

und sich sagen, ______ sie das immer tun.

 

Sehr schlimm: eingeladen sein,

________ zu Hause die Räume stiller,

der Cafe besser und keine Unterhaltung nötig ist.

 

Am schlimmsten:

nicht im Sommer sterben,

________ alles hell ist

und die Erde für Spaten leicht.


Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke

Der Mann:


Hier diese Reihe sind zerfallene Schöße
und diese Reihe ist zerfallene Brust.
Bett stinkt bei Bett. Die Schwestern wechseln stündlich.

Komm, hebe ruhig diese Decke auf.
Sieh, dieser Klumpen Fett und faule Säfte,
das war einst irgendeinem Mann groß
und hieß auch Rausch und Heimat.

Komm, sieh auf diese Narbe an der Brust.
Fühlst du den Rosenkranz von weichen Knoten?
Fühl ruhig hin. Das Fleisch ist weich und schmerzt nicht.

Hier diese blutet wie aus dreißig Leibern.
Kein Mensch hat soviel Blut.
Hier dieser schnitt man
erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß.

Man läßt sie schlafen. Tag und Nacht. - Den Neuen
sagt man: hier schläft man sich gesund. - Nur sonntags
für den Besuch läßt man sie etwas wacher.

Nahrung wird wenig noch verzehrt. Die Rücken
sind wund. Du siehst die Fliegen. Manchmal
wäscht sie die Schwester. Wie man Bänke wäscht.

Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett.
Fleisch ebnet sich zu Land. Glut gibt sich fort,
Saft schickt sich an zu rinnen. Erde ruft.