Heike PETZKE

 

 

 

 

 für Mathilde

 

 

 

Drehbuch für einen Animationskurzfilm

 

 

 

Wir hören:

Metronom, Türknallen, 3 x Stille, Straßenlärm, Tropfen, Flugzeug, Summen und Brummen, Flügelflattern, Herzschläge, einen Ton

 

Wir sehen:

Klavier, Metronom, Mädchen, Tür, die Stadt, Wasser- und Blutstropfen, Zebrastreifen, Kabeltrommeln, Betonmischer, Kondensstreifen, Fuchs, Sperrmüll, eine Krähe


 

Schwärze.

Ein Metronom tickt.

 

Das schwarze Feld verwandelt sich in eine Klaviatur.

 

Kleine Hände schweben über den Tasten, zögern, senken sich aber nicht herab.

Wir sehen das Metronom.

Es tickt lauter.

Das Mädchen zieht die Hände weg.

 

Die Tasten beginnen sich von allein zu bewegen.

Lautlos.

Die Füße des kleinen Mädchens tauchen auf.

Sie läuft auf den Tasten, als ob sie auf einer Treppe wäre.

 

Die Klaviatur verwandelt sich unter den Füßen des Mädchens tatsächlich in eine Treppe.

Das Mädchen rennt sie hinauf.

Und auf der anderen Seite wieder hinunter.

 

Die ganze Zeit über tickt das Metronom.

 

Eine Tür, gebaut wie der Deckel eines Flügels, versperrt ihr den Weg.

Das Mädchen schaut zurück.

Auf die lange endlos erscheinende Reihe von Tasten.

 

Dann öffnet sie mit aller Kraft die schwere Tür.

Sie kriegt sie ein Stück weit auf, zwängt sich hindurch.

Hinter ihr schlägt die Tür mit gewaltigem Knall wieder zu.

 

Das Mädchen lehnt sich von außen gegen die Tür, atmet tief durch.

Das Ticken hat aufgehört.

Ein erster kurzer Moment der Stille, dann hereinbrechend: Autos, Hupen und Sirenen.

 

Das Mädchen drückt sich rhythmisch die Ohren zu.

Wir hören den an- und abschwellenden Lärm der Stadt.

 

Das Mädchen sieht sich um:

Die bunte (Foto-) Welt einer modernen Stadt. Neubauten, Kräne, Straßen, Garagen, Brachflächen und Überlandmasten.

 

Das Mädchen läuft los.

Sie nimmt auffallend große Schritte. Nicht mehr eingeengt durch die Klaviatur.

Wir hören Autos an ihr vorüber zischen.

Ihr begegnen die ganze Zeit über keine Menschen.

 

Ein leises Pochen.

Das Mädchen geht dem anfangs fast unhörbaren Geräusch nach.

Von einem kaputten Balkon tropft Wasser auf den Gehsteig.

Das Mädchen hält die Hand darunter. Die Tropfen zerspringen wie kleine Fontänen.

 

Sie wechselt auf einem Zebrastreifen die Straße.

Sie betritt wie auf der Klaviatur jeden Farbstreifen und strauchelt dabei über ihre eigenen Beine.

 

Sie kommt an einer verlassenen Baustelle vorbei.

 

Sie klettert auf eine Kabeltrommel, bringt sie zum Rollen.

Für einen Moment ist sie Zirkusakrobatin.

 

Ein Flugzeug dröhnt über sie hinweg. Der Schatten eines Flügels streift sie.

Sie rutscht ab.

Landet auf dem Hosenboden.

Sie blickt in den Himmel und sieht sich überkreuzende Kondensstreifen.

 

Sie steht auf, geht zu einem Betonmischer.

Sie steckt ihren Kopf hinein und beginnt zu summen und zu brummen.

Der Hohlraum verstärkt ihre Töne gewaltig.

Ihr Körper vibriert.

 

Ein kleiner roter Fuchs flitzt vorbei, sie geht ihm hinterher, er verschwindet in einem leeren Haus.

 

Vor dem Haus steht ein überquellender Container mit Zeug der weggezogenen Mieter. Alte Matratzen, Teppiche, -Sperrmüll.

 

Das Mädchen zerrt an einem großen Bild mit Palmen am Strand und greift dabei in einen Farbeimer.

 

Sie hält sich an der Containerwand fest und betrachtet erfreut den entstanden Abdruck ihrer weißen Hand.

 

Sie greift jetzt zielgerichtet in den Eimer und stempelt eifrig alle erreichbaren freien Flächen.

 

Plötzlich steht sie vor dem reglosen Körper einer schwarzen Krähe.

Das Mädchen zögert, dann nimmt sie den Vogel in ihre beiden Hände.

 

Zum zweiten Mal setzt jedes Geräusch aus.

Dann fängt ein Herz stolpernd an zu schlagen.

Und etwas später sieht man, wie der Vogel sich wieder regt.

 

Das kleine Mädchen hört und sieht voller Staunen das Leben in seinen Händen.

Der Herzschlag wird immer mächtiger.

 

Die Krähe pickt plötzlich heftig in die sie haltende Hand.

Das Mädchen läßt erschreckt den Vogel fallen.

Der fängt sich ab und flattert davon.

Mit dem Abdruck einer kleinen weißen Hand auf seiner schwarzen Brust.

Der Schatten seines Flügels streift das Mädchen.

 

Das Mädchen blickt nach oben.

Der Himmel voller Krähen.

Das knatternde Flattern ihrer Flügel.

 

Aus dem Handrücken des Mädchens quellen rote Blutstropfen.

Zum dritten Mal setzt jedes Geräusch aus.

Das Mädchen bückt sich und hält ihre andere Hand unter die roten Tropfen.

Sie zerspringen wie kleine Fontänen.

 

Und da setzt wieder ein Herzschlag ein.

Nicht der wilde schnelle des Vogels, sondern jetzt der des Mädchens.

Sacht und fast unhörbar, aber er verläßt sie und uns nicht wieder.

 

Die horchenden Augen des Kindes.

 

Sie hält sich mit den Händen die Ohren zu.

Der Herzschlag wird lauter.

 

Das Mädchen steht auf und geht schnell und zielgerichtet los.

 

Der kleine rote Fuchs lugt um eine Ecke.

Das Mädchen bemerkt ihn nicht und eilt weiter.

 

Die große Flügeltür vom Anfang steht weit geöffnet.

Das Mädchen läuft hindurch, hinter ihr fällt sie krachend zu.

 

Schwärze.

Der leise Herzschlag.

 

Das schwarze Feld verwandelt sich wieder in eine Klaviatur.

Das Metronom steht diesmal still.

 

Die weiß und rot verschmierte Hand des kleinen Mädchens streicht über die Tasten hinweg.

 

Sie neigt den Kopf über die Tasten und lauscht.

 

Noch einmal ihre großen horchenden Augen.

 

Dann ein erster Ton -                 

 

 

                                              und ENDE